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Warum wir ins Grübeln geraten – was hinter Gedankenkreisen steckt


Fast jeder Mensch kennt es: Kaum wird es ruhig, beginnen die Gedanken zu kreisen. Ein Gespräch wird immer wieder durchgespielt. Entscheidungen werden hinterfragt. Die To-do-Liste für morgen wächst im Kopf weiter. Oder die Sorge um die Zukunft lässt sich einfach nicht abschütteln.


Gedankenkreisen kann anstrengend sein – besonders wenn es das Einschlafen erschwert, die Konzentration beeinträchtigt oder das Gefühl entsteht, den eigenen Gedanken ausgeliefert zu sein.

Doch warum grübelt unser Gehirn überhaupt? Und weshalb fällt es manchmal so schwer, den Gedankenstrom zu unterbrechen?


Die aktuelle Forschung zeigt: Grübeln ist keine Fehlfunktion unseres Gehirns. Es ist zunächst ein sinnvoller Versuch, mit Unsicherheit, Belastungen und ungelösten Fragen umzugehen.


Unser Gehirn möchte Zusammenhänge verstehen


Das menschliche Gehirn ist darauf spezialisiert, Muster zu erkennen und Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. Es versucht ständig, Erfahrungen einzuordnen und aus ihnen zu lernen.

Wenn etwas unklar bleibt oder ein Problem ungelöst erscheint, arbeitet das Gehirn häufig weiter – auch dann, wenn wir längst Feierabend haben oder im Bett liegen.


Aus dieser Perspektive ist Nachdenken zunächst ein Problemlöseversuch.


Das Gehirn sucht nach Antworten auf Fragen wie:


  • Warum ist das passiert?

  • Was hätte ich anders machen können?

  • Wie kann ich verhindern, dass es wieder geschieht?

  • Was könnte morgen passieren?


Diese Fähigkeit hilft uns, Erfahrungen zu verarbeiten und zukünftige Entscheidungen zu verbessern.


Wann Grübeln problematisch wird


Nicht jedes Nachdenken ist Grübeln.


Die Psychologie unterscheidet zwischen hilfreichem Nachdenken und sogenannten repetitiven negativen Gedanken. Dazu gehören vor allem Grübeln (Rumination) und anhaltende Sorgen (Worry).

Beide zeichnen sich dadurch aus, dass sich Gedanken immer wieder um ähnliche Themen drehen, ohne zu einer neuen Lösung zu führen.


Typisch ist das Gefühl, gedanklich festzustecken.


Anstatt Klarheit zu gewinnen, entstehen häufig noch mehr Fragen, Unsicherheit oder Selbstzweifel.


Grübeln und Sorgen – wo liegt der Unterschied?


Die Forschung unterscheidet zwei eng verwandte Denkprozesse.


Grübeln richtet den Blick häufig auf Vergangenes.


Menschen fragen sich:

  • Warum ist das passiert?

  • Warum bin ich so?

  • Was hätte ich anders machen sollen?


Sorgen richten sich dagegen stärker auf die Zukunft.


Typische Fragen sind:

  • Was passiert, wenn ...?

  • Was könnte schiefgehen?

  • Bin ich auf alles vorbereitet?


Im Alltag treten beide Formen oft gemeinsam auf.


Das Gehirn im Ruhemodus – warum wir auch in Ruhe geistig aktiv sind


Lange Zeit gingen Forschende davon aus, dass das Gehirn in Ruhephasen gewissermaßen „abschaltet“. Heute wissen wir, dass das Gegenteil der Fall ist.


Selbst wenn wir entspannt auf dem Sofa sitzen, spazieren gehen oder im Bett liegen, bleibt unser Gehirn hochaktiv. Allerdings richtet sich die Aufmerksamkeit dann nicht mehr auf eine äußere Aufgabe, sondern nach innen.


Für diese Form der inneren Aktivität ist unter anderem das sogenannte Default Mode Network (DMN) verantwortlich – ein Netzwerk verschiedener Hirnregionen, die besonders eng zusammenarbeiten, wenn wir gerade keine konkrete Aufgabe bearbeiten.


Dieses Netzwerk erfüllt wichtige Funktionen für unser tägliches Leben. Es hilft uns,


  • über uns selbst nachzudenken,

  • Erfahrungen einzuordnen,

  • Erinnerungen mit der Gegenwart zu verknüpfen,

  • uns in andere Menschen hineinzuversetzen,

  • aus vergangenen Erlebnissen zu lernen und

  • uns mögliche zukünftige Situationen vorzustellen.


Ohne diese Fähigkeit könnten wir kaum aus Erfahrungen lernen oder unser Leben bewusst gestalten. Das Default Mode Network ist deshalb keine Quelle von Problemen, sondern eine wichtige Grundlage für Selbstreflexion, Identität und persönliche Entwicklung.


Wann aus Nachdenken Grübeln wird


Die Forschung geht heute davon aus, dass Gedankenkreisen nicht dadurch entsteht, dass das Default Mode Network „falsch arbeitet“. Vielmehr scheint es unter bestimmten Bedingungen schwerer zu werden, zwischen verschiedenen Gehirnnetzwerken flexibel zu wechseln.

Normalerweise wechseln wir im Laufe des Tages ständig zwischen unterschiedlichen Zuständen. Wenn wir eine Aufgabe lösen, richtet sich unsere Aufmerksamkeit nach außen. Ist die Aufgabe beendet, darf sie wieder nach innen wandern – wir reflektieren, planen oder lassen die Gedanken schweifen.

Unter anhaltendem Stress, starker emotionaler Belastung oder Erschöpfung gelingt dieser Wechsel manchmal nicht mehr so flexibel. Das Gehirn beschäftigt sich dann immer wieder mit denselben offenen Fragen, Unsicherheiten oder belastenden Erfahrungen. Gedanken kreisen, ohne dass neue Einsichten entstehen.

Neurowissenschaftler vermuten deshalb, dass weniger das Default Mode Network selbst das Problem ist, sondern vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Netzwerke, die normalerweise unsere Aufmerksamkeit, Emotionen und unser Denken flexibel auf die jeweilige Situation abstimmen.


Welche Rolle spielt Stress?


Stress verändert nicht nur unseren Körper, sondern auch die Art, wie wir denken.

Wenn wir uns bedroht oder dauerhaft belastet fühlen, richtet sich unsere Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Gefahren.


Das Gehirn versucht dann verstärkt vorherzusagen, was schiefgehen könnte oder wie sich Probleme vermeiden lassen.


Kurzfristig ist das sinnvoll.


Hält dieser Zustand jedoch über längere Zeit an, bleibt das Denken häufig in einer Art innerem Problemlösemodus.


Viele Menschen erleben dann:

  • Gedankenkreisen,

  • Schlafprobleme,

  • Konzentrationsschwierigkeiten,

  • innere Unruhe.


Selbstregulation – Gedanken wahrnehmen, ohne ihnen ausgeliefert zu sein


Aus entwicklungspsychologischer Sicht gehört die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Aufmerksamkeit zu regulieren zur Selbstregulation.


Dabei geht es nicht darum, Gedanken zu unterdrücken oder ständig positiv zu denken.


Vielmehr beschreibt Selbstregulation die Fähigkeit,


  • die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken,

  • Abstand zu belastenden Gedanken zu gewinnen,

  • Gefühle wahrzunehmen,

  • zwischen verschiedenen Perspektiven zu wechseln und

  • flexibel auf neue Situationen zu reagieren.


Menschen mit einer gut entwickelten Selbstregulation grübeln nicht weniger. Sie können jedoch leichter erkennen, wann Grübeln hilfreich ist – und wann nicht.


Warum der Körper dabei eine wichtige Rolle spielt


Denken geschieht nicht losgelöst vom Körper.


Anhaltende Anspannung, schlechter Schlaf oder chronischer Stress beeinflussen unsere Aufmerksamkeit und unsere Fähigkeit, zwischen Aktivität und Erholung zu wechseln.

Umgekehrt kann eine verbesserte Körperwahrnehmung dazu beitragen, frühe Anzeichen von Anspannung wahrzunehmen und den Kontakt zum gegenwärtigen Moment wiederzufinden.


Deshalb richtet sich eine körperorientierte Komplementärtherapie nicht in erster Linie gegen einzelne Gedanken.


Sie unterstützt vielmehr die Bedingungen, unter denen Selbstregulation wieder leichter gelingen kann.

 

Mehr Informationen zu meiner körper- und prozessorientierten Arbeit als Komplementärtherapeutin:

Komplementärtherapie in Winterthur


Fazit

Gedankenkreisen ist zunächst kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Willenskraft. Es ist Ausdruck eines Gehirns, das versucht, Unsicherheit zu bewältigen, Erfahrungen zu verarbeiten und Probleme zu lösen.


Erst wenn sich Gedanken immer wieder im Kreis drehen und keine neuen Perspektiven mehr entstehen, werden sie zur Belastung.


Die aktuelle Forschung betrachtet Grübeln deshalb nicht als isoliertes Denkproblem, sondern als das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Aufmerksamkeit, Emotionen, Stress, Nervensystem und Selbstregulation.


Wer diese Zusammenhänge versteht, kann den eigenen Gedanken oft mit mehr Gelassenheit begegnen – und Schritt für Schritt wieder mehr Handlungsspielraum gewinnen.


  • Selbstregulation - warum das bewusste Lenken der Aufmerksamkeit eine tiefgreifende Wirkung haben kann

  • Selbstmitgefühl - warum das Verständnis für dich selbst Veränderung möglich macht

 

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