

Selbstmitgefühl – warum Freundlichkeit mit uns selbst Veränderung möglich macht
Viele Menschen gehen mit sich selbst strenger um als mit jedem anderen Menschen. Wenn etwas nicht gelingt, tauchen schnell Gedanken auf wie:
„Ich müsste das besser können.“
„Warum bin ich nur so empfindlich?“
„Andere schaffen das doch auch.“
„Ich reiße mich einfach nicht genug zusammen.“
Was würdest du einer guten Freundin oder einem guten Freund sagen, wenn sie oder er sich in einer schwierigen Situation befindet?
Wahrscheinlich würdest du zuhören, Verständnis zeigen und ermutigen – nicht verurteilen.
Selbstmitgefühl bedeutet, uns selbst mit derselben Freundlichkeit, Geduld und Menschlichkeit zu begegnen, die wir einem Menschen entgegenbringen würden, der uns am Herzen liegt.
Was ist Selbstmitgefühl?
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, Schwierigkeiten schönzureden oder sich selbst leidzutun. Es bedeutet auch nicht, keine Verantwortung mehr zu übernehmen oder sich mit allem zufriedenzugeben.
Vielmehr beschreibt Selbstmitgefühl die Fähigkeit,
die eigenen Gefühle wahrzunehmen,
sich in belastenden Situationen verständnisvoll zu begegnen,
die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen,
und sich selbst auch dann wertschätzend zu behandeln, wenn etwas nicht gelingt.
Selbstmitgefühl ist damit eine Form innerer Beziehung zu uns selbst.
Wie entwickelt sich Selbstmitgefühl?
Aus entwicklungspsychologischer Sicht lernen wir zunächst durch andere Menschen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen.
Wenn Bezugspersonen uns trösten, beruhigen und ernst nehmen, erleben wir: Ich darf traurig, wütend, ängstlich oder überfordert sein, ohne meine Zugehörigkeit zu verlieren.
Diese Erfahrungen werden nach und nach zu einer inneren Haltung. Viele Menschen entwickeln so die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, sich zu ermutigen und mit Fehlern konstruktiv umzugehen.
Nicht jeder Mensch durfte diese Erfahrungen in ausreichendem Maß machen. Dann meldet sich in belastenden Situationen häufig zuerst die innere Kritik statt einer freundlichen, unterstützenden Stimme.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Selbstmitgefühl nicht mehr möglich ist. Unser Gehirn und unser Nervensystem bleiben ein Leben lang lernfähig.
Warum Selbstmitgefühl so schwer sein kann
Viele Menschen glauben, sie würden nachlässig, egoistisch oder bequem werden, wenn sie freundlicher mit sich selbst umgehen.
Die Forschung zeigt jedoch das Gegenteil.
Menschen mit einem ausgeprägten Selbstmitgefühl übernehmen häufig Verantwortung für ihr Handeln, können Fehler besser annehmen und gehen konstruktiver mit Rückschlägen um. Sie geben sich nicht schneller auf – sie müssen sich nur nicht zusätzlich selbst bekämpfen.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, keine Grenzen zu haben oder alles zu akzeptieren. Es bedeutet, sich auch in schwierigen Momenten nicht selbst zu verlassen.
Selbstmitgefühl und unsere Emotionen
Selbstmitgefühl verändert unsere Emotionen nicht dadurch, dass sie verschwinden.
Es verändert unseren Umgang mit ihnen.
Wenn Angst auftaucht, können wir lernen, ihr mit Neugier statt mit Ablehnung zu begegnen.
Wenn Wut spürbar wird, dürfen wir erforschen, welches Bedürfnis oder welche Grenze sie schützen möchte.
Wenn Traurigkeit Raum bekommt, muss sie nicht mehr gegen unsere Anstrengung ankämpfen.
Wenn Scham oder Schuld auftauchen, können wir Verantwortung übernehmen, ohne unseren eigenen Wert infrage zu stellen.
Selbstmitgefühl schafft einen inneren Raum, in dem alle Gefühle willkommen sein dürfen.
Selbstmitgefühl zeigt sich auch im Körper
Freundlichkeit mit uns selbst ist nicht nur ein Gedanke.
Sie zeigt sich auch körperlich.
Wenn wir uns sicher und angenommen fühlen, verändert sich häufig unser Atem. Die Muskulatur kann weicher werden, der Blick wird ruhiger und der Körper findet leichter in einen Zustand von Regeneration.
Das bedeutet nicht, dass Beschwerden sofort verschwinden. Doch viele Menschen erleben, dass sie mit mehr Selbstmitgefühl anders auf die Signale ihres Körpers reagieren. Statt gegen Schmerzen, Erschöpfung oder innere Unruhe anzukämpfen, beginnen sie zu fragen:
„Was möchte mir mein Körper gerade mitteilen?“
Diese Haltung ist eine wichtige Grundlage für Selbstregulation.
Wie körper- und prozessorientierte Komplementärtherapie unterstützen kann
Selbstmitgefühl lässt sich nur begrenzt durch den Verstand entwickeln. Es entsteht vor allem durch Erfahrungen.
In meiner Praxis im Stadtzentrum von Winterthur begleite ich Menschen mit Shiatsu und Craniosacraltherapie dabei, ihren Körper bewusster wahrzunehmen und einen freundlicheren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.
Achtsame Berührung, Körperwahrnehmung und die therapeutische Beziehung können einen geschützten Rahmen schaffen, in dem neue Erfahrungen möglich werden. Viele Menschen erleben dabei, dass sie ihren Körper nicht länger als Gegner betrachten müssen, sondern als wertvollen Begleiter auf ihrem Weg.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, alles an sich zu mögen oder nie mehr kritisch zu sein. Es bedeutet, sich selbst auch dann mit Respekt und Freundlichkeit zu begegnen, wenn das Leben gerade herausfordernd ist.
Mehr über meine Arbeit als Komplementärtherapeutin erfahren:
Selbstmitgefühl ist eine Haltung, kein Ziel
Selbstmitgefühl ist nichts, das man irgendwann vollständig erreicht.
Es entwickelt sich immer wieder neu – in jeder Situation, in der wir entscheiden, uns selbst mit Verständnis statt mit Härte zu begegnen.
Vielleicht beginnt Selbstmitgefühl mit einer kleinen Veränderung:
Nicht mehr zu fragen: „Was stimmt nicht mit mir?“
Sondern:
„Was brauche ich gerade?“
Diese Frage öffnet den Blick für unsere Bedürfnisse, unsere Ressourcen und unsere Menschlichkeit. Sie lädt uns ein, den Kontakt zu uns selbst wiederzufinden – nicht trotz unserer Verletzlichkeit, sondern gerade durch sie.
Weiterführende Themen:
Selbstregulation – Wie wir lernen, mit Belastungen und Gefühlen umzugehen.
Scham verstehen – Warum Scham unser Selbstbild beeinflussen kann.
Schuld verstehen – Wie Verantwortung und Selbstfreundlichkeit zusammengehören.
Wut verstehen
Neurobiologie – Weshalb neue Erfahrungen unser Gehirn und Nervensystem verändern können.