

Selbstregulation – wie wir lernen, mit uns und unserer Umwelt umzugehen
Selbstregulation bedeutet, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben
Selbstregulation beschreibt die Fähigkeit, die eigenen inneren Zustände und das eigene Verhalten so zu beeinflussen, dass wir mit einer Situation angemessen umgehen können. Dazu gehört, Gefühle zu regulieren, Aufmerksamkeit zu lenken, Impulse zu steuern, Anspannung zu verändern und nach Belastungen wieder zur Ruhe zu finden.
Dabei spielen Körper, Nervensystem, Gefühle, Gedanken und Verhalten zusammen. Selbstregulation ist deshalb nicht nur eine Frage von Willenskraft. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Prozesse, die teilweise bewusst und teilweise unbewusst ablaufen.
Selbstregulation entwickelt sich in Beziehung
Schon kleine Kinder müssen lernen, mit unterschiedlichen inneren Zuständen umzugehen. Hunger, Müdigkeit, Schmerzen, Überforderung oder Trennung können starke Aktivierung auslösen. Ein Säugling kann diese Zustände zunächst noch nicht selbstständig regulieren. Säugling brauchen die Unterstützung anderer Menschen.
Wenn eine Bezugsperson ein weinendes Kind hält, beruhigt, ihm Nähe gibt oder seine Bedürfnisse angemessen beantwortet, erlebt das Kind: Meine Anspannung kann sich verändern. Ich bin mit meinem Erleben nicht allein. Nach und nach entwickelt sich daraus die Fähigkeit, eigene Zustände besser zu regulieren. In der Entwicklungspsychologie wird dieser Prozess auch als Ko-Regulation beschrieben. Selbstregulation entwickelt sich also zunächst wesentlich in Beziehung.
Frühe Erfahrungen prägen, was sich vertraut und sicher anfühlt
Wie Selbstregulation sich entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören die individuellen Voraussetzungen des Kindes, seine Umwelt und die Erfahrungen, die es in Beziehungen macht. Auch schwierige oder belastende Erfahrungen können die Entwicklung von Regulationsmustern beeinflussen. Ein Kind kann beispielsweise lernen, besonders aufmerksam auf die Stimmung anderer Menschen zu achten, eigene Bedürfnisse zurückzustellen oder schnell auf mögliche Gefahren zu reagieren. Solche Muster sind zunächst sinnvolle Anpassungen an die jeweilige Umgebung. Sie können später jedoch auch dann aktiviert werden, wenn die ursprüngliche Situation gar nicht mehr besteht. Was einmal hilfreich war, kann dadurch in einem anderen Lebensabschnitt weniger hilfreich sein.
Vieles regulieren wir, ohne darüber nachzudenken
Ein grosser Teil unserer Selbstregulation geschieht automatisch. Wir müssen nicht bewusst entscheiden, unsere Körpertemperatur zu regulieren, den Herzschlag anzupassen oder auf eine plötzlich auftretende Gefahr zu reagieren. Auch im Alltag laufen viele Regulationsprozesse ohne bewusste Entscheidung ab: Wir verändern beispielsweise automatisch unsere Körperhaltung, wenn wir uns unsicher fühlen. Wir sprechen schneller, wenn wir aufgeregt sind, oder ziehen uns zurück, wenn uns etwas zu viel wird.
Diese unbewusste Selbstregulation ist nicht grundsätzlich problematisch. Sie ermöglicht es uns überhaupt erst, schnell und effizient zu handeln. Schwieriger wird es, wenn automatische Muster nicht mehr zur aktuellen Situation passen oder unsere Handlungsmöglichkeiten einschränken.
Von der automatischen Reaktion zur bewussten Entscheidung
Neben diesen automatischen Prozessen gibt es eine bewusste Form der Selbstregulation. Wir können beispielsweise bemerken: Ich bin gerade angespannt. Oder: Ich merke, dass ich müde werde und eigentlich eine Pause brauche. Durch diese Wahrnehmung entsteht ein Moment zwischen Reiz und Reaktion. Wir können überlegen, was wir brauchen und wie wir handeln möchten. Diese Fähigkeit wird in der Psychologie oft als emotionale Flexibilität bezeichnet. Emotional flexibel zu sein, heisst, die eigenen Gefühle und Emotionen wahrnehmen und halten zu können, ohne sofort von ihnen überwältigt zu werden oder sie wegdrängen zu müssen. Dadurch entsteht mehr innerer Spielraum: Wir können unterschiedliche Gefühle zulassen, ihre Botschaften wahrnehmen und trotzdem entscheiden, wie wir mit einer Situation umgehen möchten.
Gerade im Alltag ist diese Fähigkeit wertvoll. Sie hilft uns, auch in schwierigen oder herausfordernden Momenten mit uns selbst in Verbindung zu bleiben und Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Emotionale Flexibilität bedeutet dabei nicht, immer ruhig oder ausgeglichen zu sein. Vielmehr geht es darum, mit dem, was gerade da ist, beweglich umgehen zu können.